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Es gibt Erinnerungen, die bleiben einem wie der Duft frisch gemähter Wiesen – sie prägen leise, ohne dass man es sofort merkt. Mein Vater hat nie von „Permakultur“ gesprochen, aber wenn er am Samstagmorgen die Beete umging, wusste ich, dass da mehr dahintersteckt als nur Gartenarbeit. Kein Gift, kein Hast, kein unnötiges Eingreifen – einfach ein tiefes Vertrauen in den Boden und in das, was da wachsen wollte. Ich habe das damals gar nicht bewusst verstanden, erst viel später habe ich gemerkt: Diese Art zu gärtnern ist ein Stück gelebte Permakultur Tradition.
Heute, wenn ich selbst im Garten stehe, fallen mir diese Handgriffe wieder ein. Es ist fast so, als würden sie weitergegeben, ohne Worte, nur durch Tun. So entsteht ein stilles Band, das Wissen und Werte überträgt – von einer Generation zur nächsten, zwischen Apfelbaum und Achtung.
Wenn Eltern gärtnern, ohne das Wort „Permakultur“ zu kennen

Bild: iStock | Bild-ID: 1276513553
Mein Vater hat nie Schaubilder gemalt oder Fachbücher zitiert, er hat einfach getan. Wenn die Kartoffeln gesetzt wurden, dann nicht nach Tabellen, sondern nach Gefühl und Erfahrung. Er wusste, wann die Erde „reif“ war, ohne jemals ein Thermometer in den Boden zu stecken. Rückblickend erkenne ich: Das war eine Schule der Achtsamkeit, die leise, aber nachhaltig gewirkt hat. Die Prinzipien, die man heute unter „Permakultur“ zusammenfasst, waren damals einfach Alltag.
Spannend ist, dass ich als Kind vieles davon gar nicht ernst genommen habe. Wenn er stundenlang Kompost umschichtete oder Brennnesseljauche ansetzte, war das für mich ein bisschen verrückt. Heute weiss ich: Genau diese Methoden regenerieren den Boden (1). Sie sind keine Marotte, sondern ein tiefes Wissen, das seit Generationen weitergegeben wird – und das Wissenschaftler mittlerweile bestätigen. Manchmal musste ich Fehler machen, um zu begreifen, warum er manches so und nicht anders getan hat.
Es gab zum Beispiel ein Jahr, da habe ich alles auf einmal ausgesät – viel zu dicht, viel zu gierig. Das Beet war ein einziges Durcheinander, die Ernte mager. Mein Vater hat nichts gesagt, nur geschmunzelt. Erst viel später habe ich verstanden: Geduld ist Teil der Gartenarbeit, und Vielfalt braucht Raum. Genau diese Lektionen, unaufdringlich vermittelt, machen für mich die Tradition der Permakultur aus.
Wissen weitergeben: Geschichten statt Definitionen
Ich erinnere mich gut an die langen Sommerabende, wenn wir nach getaner Arbeit im Garten auf der Bank sassen. Da wurde nicht erklärt, da wurden Geschichten erzählt. Wie Grossvater die gleiche Sorte Bohnen schon in den 50ern anbaute oder wie ein Apfelbaum fast verdorrt wäre, bis er durch umsichtiges Mulchen wieder zu Kräften kam. Dieses Erzählen hat mehr bewirkt als jede theoretische Abhandlung. Man nahm das Wissen auf wie nebenbei, es floss einfach mit.
Gerade Kinder lernen so. Nicht durch Definitionen, sondern indem sie beobachten, nachahmen, ausprobieren. Die Forschung zu Waldgärten zeigt genau das: Wissen wird besonders dann verstanden, wenn es erlebbar gemacht wird (2). Wenn man durch einen lebendigen Garten geht, sieht, riecht und spürt man Zusammenhänge, die kein Buch je so greifbar erklären könnte. Mir wurde klar, dass Tradition oft im Erzählen liegt – und nicht im Belehren.
Als ich älter wurde, habe ich angefangen, selbst kleine Geschichten weiterzugeben. Etwa wie ich beim ersten Versuch die Tomaten viel zu früh ausgepflanzt habe und sie prompt vom Frost erwischt wurden. Heute erzähle ich das lachend weiter, weil genau solche Anekdoten hängenbleiben. An dieser Stelle würde sich das Video wunderbar einfügen – es verstärkt genau diesen Gedanken, dass Wissen lebendig sein muss und nicht in Definitionen steckenbleiben darf.
Tradition im Wandel: Zwischen Pragmatismus und Forschung

Bild: unsplash | Robert Fischetto 2017
Es gab Momente, da habe ich bewusst gegen die alten Regeln verstossen. Nicht aus Trotz, sondern weil ich es besser wissen wollte. Einmal habe ich versucht, im Hochsommer neuen Salat zu säen – mit dem Ergebnis, dass kaum etwas aufging. Mein Vater hätte nie an dieser Stelle gesät, er kannte die Rhythmen. Erst im Nachhinein habe ich verstanden, dass seine „alten Zöpfe“ oft näher an den Kreisläufen der Natur waren als mein moderner Pragmatismus. Und doch: Tradition bedeutet nicht Stillstand, sondern immer auch ein Ausprobieren, ein Lernen im Wandel.
Spannend finde ich, dass die Forschung solche biografischen Wendepunkte inzwischen ernst nimmt. Studien zeigen, dass genau diese Momente – wenn man scheitert, neu ansetzt und die alten Muster hinterfragt – Chancen für nachhaltigen Konsum öffnen (3). Tradition wird so zu einem offenen Fenster: Man schaut hinaus, probiert Neues, ohne das Fundament aus den Augen zu verlieren. Im Garten heisst das für mich, die Prinzipien meiner Eltern weiterzutragen, aber auch den Mut zu haben, eigene Wege zu gehen.
Werte im Garten – Werte im Leben
Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich den Garten nicht nur als Ort des Wachstums, sondern als Spiegel einer ganzen Haltung. Die Permakultur Tradition meiner Eltern hat mir gezeigt, dass man nicht laut predigen muss, um Werte weiterzugeben. Es reicht, sie vorzuleben – in stillen Handgriffen, im Vertrauen auf natürliche Prozesse, in der Geduld, Dinge wachsen zu lassen.
Diese Haltung wirkt weit über das Beet hinaus. Sie prägt, wie man Entscheidungen trifft, wie man mit Ressourcen umgeht, und wie man sich selbst als Teil eines grösseren Ganzen versteht. Achtsamkeit, Respekt und Verantwortung – das sind keine grossen Worte, sondern gelebte Praktiken, die sich im Alltag wiederfinden. Wer diese Werte im Garten übt, nimmt sie unweigerlich mit ins Leben.
Am Ende bleibt für mich die Erkenntnis: Tradition ist nicht das starre Bewahren alter Muster, sondern das bewusste Weitertragen von Haltung. Zwischen Apfelbaum und Achtung lernt man, dass wahres Wissen nicht in Definitionen wohnt, sondern in Geschichten, Erfahrungen und stillen Gesten. So schliesst sich der Kreis – ein Garten, der mehr gibt als Ernte, nämlich ein Fundament an Werten, das Generationen überdauern kann.
Quellen
- Verein Permakultur Austria (2025). Vortrag Erd-Regeneration. Online verfügbar unter: https://www.permakultur-austria-akademie.at/regeneration/
- Schmidt, N., & Pappenberger, M. (2020). Das Potenzial von Waldgärten Wissen in eine städtische Gesellschaft zu vermitteln. Leuphana Universität Lüneburg. Online verfügbar unter: https://waldgarten.web.leuphana.de/
- Ohde, F. (2022). Permakultur als Gelegenheitsfenster für nachhaltigen Konsum. In: Onnen, C. (Hg.) Gelegenheitsfenster für nachhaltigen Konsum. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-37543-0_5
Kurzporträt des Autors
Matthias Jünger beschäftigt sich seit vielen Jahren mit ökologischer Bodenpflege, klimaresilienter Gartengestaltung und der Weitergabe gärtnerischen Erfahrungswissens. In seinem aktuellen Gastbeitrag reflektiert er, wie Werte und Prinzipien der Permakultur Tradition leise von einer Generation zur nächsten weitergetragen werden – nicht durch Theorie, sondern durch Tun.
Als Betreiber der spezialisierten Plattform garden-shop.at setzt Matthias auf torffreie Substrate, standortangepasstes Saatgut und bewährte Bewässerungslösungen. Neben seiner praktischen Arbeit im Garten verfasst er regelmässig Fachartikel, in denen er wissenschaftliche Erkenntnisse mit persönlichen Erfahrungen verbindet. Sein besonderes Anliegen: die Gärten von heute so zu gestalten, dass sie zugleich Natur bewahren und Menschen prägen können.



